Zur Geschichte des Holzschnitts - Holzschnitt Feldmeier

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Zur Geschichte des Holzschnitts

Grafiken
Hans Heimrath beschreibt anhand ausgewählter Beispiele Motiv, Struktur, Aussage und Technik des Holzschnitts, sowie historische und kunsthistorische Aspekte.


Die Marter des heiligen Sebastian
Marter des heiligen Sebastian
Einblatt-Holzschnitt, bayerisch, etwa 1410-1420, Format 27 x 20,1 cm, Staatliche Graphische Sammlung München

Technik des Holzschnitts
Schwarzlinienschnitt

Motiv des Holzschnitts
Die Darstellung zeigt die Szene, wie Sebastian, an einer Prangersäule gefesselt, von zwei Schützen gemartert wird. Die Gestalt Sebastians ist im Sinne mittelalterlicherBedeutungsperspektive überdimensioniert. Er ist mit einem Lendenschurz bekleidet und mit einer Märtyrerkrone geschmückt. Seine Gestalt ist mit zwanzig Pfeilen gespickt, nur Kopf und Lenden sind frei. Der Bogenschütze im linken Bildteil ist dabei, einen weiteren Pfeil abzuschießen. Er trägt einen pelzbesetzten Köcher mit vier Pfeilen. Der Schütze im rechten Bildteil spannt gerade eine Armbrust, indem er den linken Fuß zu Hilfe nimmt. Den Pfeil hält er so lange zwischen den Zähnen. Kleidung und Armbrust sind anachronistisch. Zur Lebenszeit Sebastians kleidete man sich anders, die Armbrust wurde erst im frühen Mittelalter entwickelt. Es ist bemerkenswert, dass sowohl Pfeil und Bogen als auch Armbrust Fernwaffen sind.

Struktur des Holzschnitts
Die meist konturierenden Linien bewirken als Strukturelemente die Einheit der Bildkomposition. Die Fläche ist achsensymmetrisch gegliedert, das Bild ist durch eine Rechteckkontur geschlossen. Die Gestalt des Sebastian ist nur leicht aus der Mitte nach links gerückt sowie aus der Raumbühne nach vorne gesetzt. Der Nimbus ist Kompositions- und Bedeutungselement zugleich.

Aussage des Holzschnitts
Dem Bildbetrachter bietet sich eine Szene aus dem Märtyrerleben, die mehr erzählende als erschütternde Bildaussage aufweist. Die Darstellung entspricht den Intentionen der BIBLIA PAUPERUM, die Inhalte aus der Heiligen Schrift und aus dem Heiligenleben bildsprachlich erklären will. Der Heilige ist in der typischen Haltung der Gotik (Fußstellung, leichte S-Form) dargestellt. Ein beinahe lieblich-meditierender Gesichtsausdruck wird durch die leichte Neigung des Kopfes unterstrichen. Kein Ausdruck von Schmerz oder Todeskampf. Die Wirkung der agierenden Schützen ist eher spielerisch als martialisch. Die gesamte Szene ist vorwiegend als Schau-Stellung gedacht mit der Absicht, beim Betrachter andächtige Hingabe an die Bildaussage zu bewirken.

Historische Aspekte
Das Leben und Martyrium des heiligen Sebastian ist legendär. Die Christin Lucina soll die Leiche Sebastians aus der Kloake geholt und in den Katakomben bestattet haben. Darüber wurde später die Sebastianskirche, eine der sieben frühchristlichen Wallfahrtskirchen Roms, errichtet. Nördlich der Alpen wird Sebastian im 13. Jahrhundert der Schutzpatron der Kreuzritter. In der Zeit der ersten europäischen Pestwelle wird Sebastian zum Schutzpatron der Pestkranken, da der Pfeil als Symbol pötzlich auftretender Krankheiten gilt und die vielen Pfeilwunden an die am ganzen Körper auftretenden Pestbeulen erinnern. In dieser Zeit wird Sebastian einer der vierzehn "Nothelfer". In der frühen Renaissancezeit, als Aktdarstellungen noch verpönt waren, wurde das Sebastian-Motiv legitimes Aktdarstellungsthema. Der Heilige wird gegen Ende des 15. Jahrhunderts auch Patron der damals entstandenen Schützenbruderschaften.

Kunsthistorische Aspekte
Das vorliegende Werk ist ein Einblatt-Holzschnitt. Damit bezeichnet man die frühesten Werke des Bildhochdruckes, die zwischen 1400 und 1530 als Einzelblatt, meist im Schwarzlinienschnitt (Kontur und Binnenstruktur) hergestellt wurden. Die Absicht war, Andachtsbilder im eigenen Wohnbereich zu haben. Der Einblatt-Holzschnitt kennt nur den "Schöndruck" auf der Schönseite des Papiers. Da das Papier mit dem Falzbein auf dem eingefärbten Druckstock abgerieben wurde, war die Papierrückseite meist unansehnlich. Einblatt-Holzschnitte entstehen zuerst im alpenländischen Raum, vorwiegend in Klöstern. Mehr als 3000 mittelalterliche Einblatt-Holzschnitte sind erhalten geblieben.


Simson, den Löwen bezwingend
Der Tod und das Liebespaar
Albrecht Dürer (1471-1528) - Simson, den Löwen bezwingend
Holzschnitt um 1497/98, Format 38,1 x 27,6 cm, Staatliche Graphische Sammlung München

Technik des Holzschnitts
Schwarzlinienschnitt - die Tatsache der Arbeitsteilung zwischen Künstler (Entwerfer) und Handwerker (Formenschneider) bewirkt eine werktechnische Vervollkommnung. Das ursprünglich Derbe, Kantige ist überwunden. Der Holzschnitt mutet mehr als Zeichnung denn als Druck von einer Holzplatte an.

Motiv des Holzschnitts
Die Darstellung zeigt im Bildvordergrund die legendäre Szene, wie Simson, ein mit übermenschlicher Kraft ausgestatteter Einzelkämpfer des israelitischen Stammes Dan, den Löwen bezwingt. Der Held sitzt rittlings auf dem Tier, tritt mit dem rechten Fuß dem Löwen ins Kreuz und ist im Begriffe, ihm mit beiden Händen das Maul aufzureißen. Der Blick Simsons richtet sich nicht auf das Geschehen.

Struktur des Holzschnitts
Diagonale Bildanordnung von links unten nach rechts oben (Grasbüschel - Löwenkopf - Arm, Schulter und Haupt Simsons - Felsstück - Burganlage) kreuzt sich mit Gegendiagonale (Grasbüschel - Hinterhand des Löwen - Rücken und Haupt Simsons - dürrer Ast und Laubwerk des hinteren Baumes). Deutliche Raumgliederung in Voder-, Mittel- und Hintergrund. Volle Schwarz-Weiß-Ausgewogenheit bei bewusster Akzentuierung des Bildthemas. Kontrastsetzung durch Groß- und Kleinflächen, lineare und "tonige" Details, Konturen und Flächen.

Aussage des Holzschnitts
Die Bildaussage hat mehr erzählenden Charakter als dramatisierende Wucht. Der Löwe lässt Simson scheinbar widerstandslos reiten, nur Kopf, bleckende Zähne und grimmig blickendes Auge zeigen Dramatik. Simson scheint der Kampf auf Leben und Tod nicht allzusehr anzustrengen, mit seinem Blick ist er außerhalb des Geschehens. Die gesamte Szene ist vorwiegend als Schau-Darstellung gedacht.

Historische Aspekte
Die Geschichte des Simson erscheint im alttestamentarischen Buch der Richter 13-16. Demnach soll Simson etwa 1200 v.Chr. gelebt haben. Auf dem Weg zur Brautwerbung verstellt ihm ein Löwe den Weg. Simson reißt ihm den Rachen auseinander. Später verliert er seine Kraft, indem ihm sein Weib Dalila im Schlafe das Haar abschneidet.

Kunsthistorische Aspekte
Das Simsonmotiv erscheint bereits im frühen 4. Jahrhundert in der Katakombe an der Via Latina. Auf der berühmten Augsburger Bronzetür des 11. Jahrhunderts ist die Bezwingung des Löwen dargestellt. Aus Alpirsbach ist ein um 1200 entstandenes Glasfenster mit dem Löwenkampf erhalten. In der Weltchronik des Ludwig von Ems, 1300, ist das Motiv ebenso gestaltet wie im Chorgestühl in Maulbronn, etwa 1470. Rembrandt und Rubens beschäftigt mehr das Thema Simson und Dalila. Von seiner ersten Italienreise 1494/95 bringt Dürer Anregungen zur Gestaltung mit (Renaissance-Gewand des Simson, Alpenpanorama, südländische Bauformen), die er der traditionellen Darstellungsweise beifügt.


Hans Burkmair (1473-1531) - Der Tod und das Liebespaar
Clairobscur-Holzschnitt von 3 Platten, 1510, Format 21,1 x 15,1 cm, geschnitten von Formenschneider Jost de Negker, Staatliche Graphische Sammlung München

Technik des Holzschnitts
Es handelt sich um einen Clairobscur-Holzschnitt von drei Platten. Er entstand im Jahre 1510, also nach Burgkmairs Italienreisen. Der Entwurf stammt von Burgkmair. Die handwerkliche Ausführung des Holzschnitts vollzog der Formenschneider Jost de Negker. Die Drei-Platten-Technik verfolgt die Absicht, der Darstellung höchstmögliche Plastizität zu verleihen. Sie ist der damals üblichen Zeichnung auf grauem Papier zu vergleichen, welche weiß überhöht und schwarz abgesetzt wurde. Eine vierte Tonstufe wurde noch dadurch erreicht, dass auf allen drei Druckplatten Weiß-Zonen (Papierfarbe) ausgespart wurden, die eine weitere Tonabstufung ermöglichten.
Burgkmair ist der bedeutendste Meister der Augsburger Malerei zur Zeit Dürers. Zusammenarbeit mit dem Niederländer Jost de Negker bei der Herstellung von Mehrfarbenholzschnitten. Burgkmair ist einer der ersten namentlich genannten Zeichner (Reißer) für den in Arbeitsteilung hergestellten Holzschnitt (Reißer-Formenschneider). Den Werken Dürers zollte Burgkmair höchste Bewunderung.

Aussage des Holzschnitts
Es ist sehr merkwürdig, dass in der Zeit der beginnenden Renaissance in Deutschland, in einer Epoche starker Diesseitsbezogenheit des humanistischen Denkens, das Thema "Tod" einen so großen Raum einnimmt.
Eine das Bild stark in die Vertikale und in die Raumtiefe ordnende Architektur bildet gleichsam den Rahmen. In zwei Italienreisen hatte Burgkmair die Möglichkeit gehabt, die im Süden schon lange bekannte konstruktiv erfassbare Zentralperspektive kennezulernen. Hier im Bilde hat er sie konsequent angewendet. Jeder Künstler, der sie seinerzeit beherrschte - auch Dürer - baute sie meist übertrieben ins Bild ein. Die Zentralperspektive war dadurch eine Modeerscheinung geworden. Die Architekturgebilde stellen reichgeschmückte Renaissancebauten aus südlichen Gegenden dar. Vom Architekturdekorgegensatz (Blumen- und Blattrollwerk sowie Putten gegen Totenschädel und überkreuzte Knochen) ergeben sich direkte Beziehungen zum Bildmotiv. Dem Liebesspiel des in römische Legionärsrüstung gekleideten Mannes und des in geschürzte Renaissancekleidung gewandeten Mädchens setzt der Tod ein jähes Ende. Der geflügelte Tod muss überraschend von oben eingefallen sein. Er kniet auf dem nur scheinbar Stärkeren (Idee der Ironie durch Rüstung und abgelegten Helm!) und würgt ihn zu Tode. Er läßt auch dem Mädchen, das fliehen will, keine Chance. Mit seinen Zähnen hält er einen Kleidsaum des Mädchens fest, so dass auch es ihm nicht entkommen wird.
Die große Gedankentragik des Bildes: Die vielen "offenen" Stellen in der Architektur (Pforten) bieten dennoch keine Fluchtmöglichkeit!


Urs Graf (um 1485-1527/28) - Bannerträger von Unterwalden
Weißlinien-Holzschnitt 1521, Format 19,3 x 10,8 cm, Musée d'Art et d'Histoire Genf

Technik des Holzschnitts
Weißlinienschnitt - die "gemeinten" Linien werden in die Platte geschnitten und bleiben beim Druck als Weißlinien auf dem Grund stehen.

Aussage des Holzschnitts
Bild und Motiv des Bannerträgers sind eindeutig renaissancehaft empfunden.
Die in die Diagonalen gerichtete Beinspreizung des Söldners, sein Schwert und in Entsprechung dazu der obere Bannerrand sowie die vertikal gehaltene Stange mit der entsprechenden rechten Fahnenbegrenzung ergeben ein sehr sicheres Bildgerüst, indas die Bilddetails sehr sparsam - aber wirksam - eingefügt sind: Pluderhut mit Federbestückung, Wams mit gebauschten Schlitzärmeln, mit bewegten Schleifen an den Kniekehlen gehaltene Bundhosen, Ölbergszene (Christus im Gebet, schlafender Apostel, kelchbringender Engel) im linken oberen Bannerteil.
Weiße Konturlinien und stark gerundete Binnenstrukturen verleihen der Darstellung eindrucksvolle Plastizität.






Bannerträger von Underwalden
Venus und Amor
Der Liebesgarten
Illustration zu Kuglers "Geschichte Friedrichs des Großen"
Nave Nave Fenua (Terre délicieuse)
Weiblicher Kopf
Business-man
Edenhotel
Gorgo
Niccolo Boldrini - Venus und Amor
Reproduktionsholzschnitt nach Tizian, 1566, Format 30,7 x 23,2 cm, Staatliche Graphische Sammlung München

Technik des Reproduktionsholzschnitts
Der Holzschnitt hält sich streng an das Original. Die Parallel- und Kreuzschraffuren sind stellenweise sehr summarisch (unten rechts und Mitte links: Erdreich, Gestein, Baumstamm usw.) und manieristisch (Schraffuren der Körperrundungen), manchmal wenig einfühlsam (Ast- und Laubwerk oben). In der Linienstärke wenig differenziert ausgeführt.

Kunsthistorische Aspekte
Beim Reproduktionsholzschnitt handelt es sich im Gegensatz zum Originalholzschnitt um die Kopie eines Originals (meist eines Gemäldes, auch einer Zeichnung oder eines graphischen Entwurfes). Die Druckplatte wurde nicht vom Künstler angefertigt, sondern von eigens darauf spezialisierten Holzschneidern oder (später) Stechern. Die Signatur brachte daher neben dem Namen des Künstlers (hier: Titianus inv. = invenit = hat es erfunden) auch den Namen des ausführenden Holzschneiders (hier: Nicolaus Boldrinus Vincentinus inc. = incidit = hat es geschnitten).
Der protobarocke Tizian hat mehrere Venus-Themen gemalt, u.a. die Venus vor dem Spiegel, Venus von Pardo, Venus von Urbino. Er benutzte (wie viele andere seiner Zeitgenossen auch) den Reproduktionsholzschnitt zur graphischen Verbreitung seiner Bildideen. Dieses Phänomen muss auch im Zusammenhang mit dem aufkommenden Kunsthandel seiner Zeit gesehen werden. Die graphischen Blätter wurden auch Mäzenen vorgelegt, die einen ungefähren Eindruck vom Original gewinnen konnten, vor allem wenn die Schnitte koloriert waren. Die Reproduktionsgraphik bediente sich auch der Tiefdruckverfahren, bis die Reproduktionsphotographie in unserer Zeit die Voraussetzungen für industrielle Druckverfahren schuf. Die "Reprographie" ist heute die zusammenfassende Bezeichnung für alle kopierenden photographischen Vervielfältigungsverfahren.


Christoffel Jegher - Der Liebesgarten
Holzschnitt, rechte Hälfte (nach P. P. Rubens), Albertina Wien

Struktur des Holzschnitts
Auch beim "Liebesgarten" handelt es sich um einen typischen Reproduktionsholzschnitt. Mit dem Mittel verschiedener Schraffuren, die dicht oder licht gesetzt wurden, wird versucht, dem turbulenten Bildgeschehen eine Raumtiefe zu geben, die der Maler mit den Mitteln der Farbe erreicht hat. Gleichzeitig ist der deutliche versuch erkennbar, wie durch vorwiegend lineares Behandeln der Architektur die horizontalen und vertikalen Komponenten der Bildordnung herausgearbeitet wurden.
In der Glanzzeit des europäischen Barocks war der Holzschnitt nach und nach "aus der Mode" gekommen. Monumentale Tafelmalerei und Freskenmalerei großen Ausmaßes waren gefragt. Die absolut herrschenden Mäzene (weltliche Herren und Kirchenfürsten) bauten Schlösser und Paläste, die mit großformatigen Kunstwerken geschmückt wurden. Da war kein Platz für Einfarbigkeit vorhanden, es musste alles in Farbe prangen. So hatte der Holzschnitt nur dienenden Charakter als Reproduktionsschnitt, der hohe Auflagen der Vervielfältigung ermöglichte.
Mehr als ein Jahrhundert war die einst so bedeutende Kunst des Holzschnitts völlig vergessen. Inzwischen war die Französische Revolution, vorbereitet durch die Epoche der Aufklärung, mit ihren Auswirkungen durch Europa gezogen. Um diese Zeit erfand der Engländer Thomas Bewick, geboren 1753 in Cherryburn, gestorben 1828 in Gateshead, den Holzstich, die Xylographie. Sie ermöglichte bisher ungeahnte Möglichkeiten in der Buchillustration durch hohe Auflagenziffern und trat dadurch in Konkurrenz zu den kostspieligen Techniken des Kupferstiches und der Radierung.

Kunsthistorische Aspekte
(Siehe bei Boldrini)


Adolph Menzel - Illustration zu Kuglers "Geschichte Friedrichs des Großen"
Holzstich (Xylographie), Format 10 x 11,5 cm, Staatliche Graphische Sammlung München

Technik des Holzstichs
Der Holzstich (Xylographie) kann als Sonderform des Holzschnitts bezeichnet werden. Quer zur Faser geschnittenes und gehobeltes Holz (Hirn- oder Stirnholz), meist das feinporige, dichte, widerstandsfähige Buchsbaumholz, wird als Druckstock verwendet. In das harte Material, das für den Druck Kupfer sogar übertrifft, wird nicht mit Messern geschnitten, sondern mit Sticheln gearbeitet. Dies erlaubt das Herausarbeiten feinster Strukturen und Schraffuren sowie das Erzielen von "Halbtönen".

Motiv des Holzstichs
Von einem dunklen Vestibül aus, in dem links ein Rokoko-Sessel "angeschnitten" ist, gestattet die halb geöffnete Tür einen Blick in das Arbeitszimmer des Preußenkönigs Friedrich II. Der linke Türflügel präsentiert sich in seiner ganzen, grazilen Rokoko-Pracht mit seinem geschnitzten Bandelwerk im unteren Teil, mit einem zur Türmitte aufsteigenden geschwungenen Sprossenwerk, durch dessen Scheiben Licht in das Vorzimmer fällt. Das Vestibül weist im Sockelteil kassettenartige Holzvertäfelung auf. Die rechte, offene Türhälfte gibt den Blick frei auf die im Gegenlicht stark silhouettenhaft wirkende, auf den zierlichen Schreibtisch gebeugte Gestalt des Preußenkönigs, der auf einem Lehnstuhl sitzt. Er trägt seinen obligatorischen Kavalleriemantel und Reitstiefel. Der Kopf ist mit einer Perücke geschmückt. Sein Blick heftet sich fest auf das Buch, die Lippen sind zu einem Strich verschmolzen. Vor ihm sitzt ein Windspiel, das seinen Kopf zwischen die Knie des Königs schmiegt. Die starke Lichtfülle dringt durch ein großes, hohes Fenster. In der Fensterlaibung sind Spuren von Rokoko-Stuck angedeutet. Hoch über dem Schreibtisch ist eine Ahnenbüste, eine bärtige Gestalt darstellend, erkennbar.

Struktur des Holzstichs
Das Bild beeindruckt durch Raumwirkung, die mit geringsten Mitteln (Gegenlicht, richtig erfasste Zentralperspektive mit starker Verkürzung) erreicht wird sowie durch die strenge Bildordnung mit dominierenden Vertikalen und untergeordneten Horizontalen. Die souveräne Beherrschung der bildwirksamen Gestaltungsmittel des Lichtes, die mit Silhouetten, Eigen- und Schlagschatten jonglieren (bewegtes Spiel von offenen, verdeckten und versteckten Lichtern, differenzierte Reflexe auf Figuren und Gegenständen) sowie der gezielte Einsatz von Parallel- und Kreuzschraffur heben das Bild über die bloße "Illustration" heraus.

Kunsthistorische Aspekte
Menzel ist außerordentlich vielseitig. Er ist der große Künstler, der die damals begehrten Historienbilder malt. Er hat aber gegenüber seinen Zeitgenossen eine "neuartige" Themenwahl vorzuweisen. Motive wie Ballsaal im Kerzenschein, rauchgeschwängerte Fabrikhalle, sonnendurchflutetes alpenländisches Dorf usw. belegen dies.


Paul Gauguin (1848-1903) - Nave Nave Fenua (Terre délicieuse)
Farbholzschnitt, Format 35,5 x 20,4 cm, Staatliche Graphische Sammlung München

Technik des Holzschnitts
Gauguin bricht mit der jahrhundertealten Tradition des Holzschnitts. Er verwendet und mischt unbekümmert alle ihm geeignet erscheinenden Werktechniken. Er lässt Werkspuren der "nicht gemeinten Form" (Totem usw.) mitdrucken. Er verwendet Werkzeuge zum Aufrauhen des Druckstockes, die keine Holzschnittwerkzeuge im klassischen Sinne sind.

Motiv des Holzschnitts
In einem "Rahmen", der links ein totempfahlähnliches Gebilde mit Bild- und Schriftzeichen, oben eine Horizontalfläche mit der Inschrift "Nave Nave Fenua" aufweist, tut sich eine mysteriöse Landschaft auf. Darin steht, im Vordergrund links, eine nackte Eingeborene, die linke Hand zu einem mehrblütigen vegetabilen Gebilde ausgestreckt. In mehreren "Schichten" baut sich dahinter und darüber eine Landschaft mit wuchernder exotischer Vegetation auf, in der eine geflügelte Echse auf den Kopf der Frau zustrebt.

Struktur des Holzschnitts
Starke Rahmung durch Totempfahl (links) und Schriftleiste (oben). Die Vertikaltendenz wird beeinträchtigt durch leicht gekrümmte, nicht ausgewogene Querlinien und -flächen, die schwarz/weiß, durch Kreuz- und Parallelschraffur gestreift sind. Ansätze zu Räumlichkeit werden stets aufgefangen durch Übereinanderlagerungen von Bilddetails. Lediglich die Aktfigur weist Körperrundungen auf.

Aussage des Holzschnitts
Gauguin liebt das Mysteriöse, Geheimnisvolle. Viele seiner Themen entspringen dem Rätselhaften, das unter der Wirklichkeit schlummert. Das unfassbare Geheimnis des Alls und der Erde hofft er in der Südsee gefunden zu haben. Im "Ancien Culte Mahori" klingt der Wunsch an, die Menschen mögen nach ihrem Tod wieder lebendig werden und ein paradiesisches Leben führen. "Fatou" aber sagt, die Erde, die Vegetation, auch die Menschen sollen sterben, die vom üppigen Segen des Paradieses gelebt haben.
Durch den Zusammenfluss von Himmel und Erde wird die paradiesische Einheit von animalischer und vegetabiler Welt manifestiert.


Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976) - Weiblicher Kopf
Holzschnitt 1915, Format 51 x 33,5 cm, W-V: Schapire 180

Aussage des Holzschnitts
Der weibliche Kopf verrät die Kenntnis der Kunst der Primitiven. Das Gesicht ähnelt in seiner Lanzettform einer Maske, die schiefgestellten Augen, die niedrige Stirn und die spitze Nase verstärken dies. Die diagonal stehenden Schraffuren gleichen dem linearen Dekor afrikanischer Maskenbemalung. Der Künstler sieht in der Kraft des Mediums "Holzschnitt" das gemäße Ausdrucksmittel seiner Zeit. Die primitiv und spontan geschnittene Linie bietet die Möglichkeit, den Umgang mit dem natürlichen Material wiederzufinden.











Frans Masereel (1889-1972) - Business-man
Holzschnitt 1920, Format 20,5 x 16,2 cm, Staatliche Graphische Sammlung München

Aussage des Holzschnitts
Der Macht(un)mensch beherrscht rücksichts- und skrupellos seine Mitmenschen. Der Arbeit-Geber lässt seine Mitmenschen Arbeit "nehmen". Alle sind sie ihm ausgeliefert, ob sie sich lieben, ob sie lehren, beten, fluchen, weinen. Der Tod ist allgegenwärtig bei und unter ihnen. Der Business-man kehrt alledem den Rücken, ihn stören nicht Hunger und Nacktheit, er zertritt einen Menschen.
Und dennoch scheint hinter seinen Stirnfalten die Angst vor der Gefährdung menschlicher Unternehmungen zu lauern: Angst vor dem Pfeil der Sphinx, Angst vor dem Blitz, der auf die Segel-Armada zuckt, Angst vor dem über die halbfertige Brücke donnernden Zug, vielleicht auch Angst vor der dunkel drohenden Menschenmasse, die Kopf an Kopf aus der Hafengasse nach vorne drängt.




Max Beckmann (1884-1950) - Edenhotel
Holzschnitt 1923, Format 49,4 x 49,8 cm, The Art Institute Of Chicago

Struktur des Holzschnitts
Der Künstler setzt die Hauptfiguren groß ins Bild und bezieht so den Betrachter unmittelbar in die Situation mit ein, um in ihm ein Gefühl der Betroffenheit hervorzurufen. Durch die unterschiedlichen Ansichten und Blickrichtungen der Figuren und den starken Hell-Dunkel-Kontrast schafft Beckmann formale Spannungsmomente, die der Aussage entsprechen.

Inhalt und Aussage des Holzschnitts
Drei elegant gekleidete Personen befinden sich im Berliner Edenhotel. Im Katalog zur großen Beckmann-Retrospektive 1984 im Münchner Haus der Kunst heißt es, dass von links nach rechts Johanna Loeb, vermutlich ihr Mann Karl und Elisa Lutz dargestellt sind. Das Gruppenbildnis gibt auf engstem Raum drei Menschen wieder, die nicht miteinander reden und sich nicht ansehen. Beziehungslosigkeit ist hier Beckmanns eigentliches Thema: Die Musiker im Hintergrund, deren Köpfe nicht mehr im Formatausschnitt erscheinen, sind reine Staffage und verstärken das Erlebnis des Unpersönlichen.


Helmut Andreas Peter (HAP) Grieshaber (1909-1981) - Gorgo
Farbholzschnitt, Format 32,4 x 35,4 cm, Staatliche Graphische Sammlung München

Technik des Holzschnitts
Grieshaber verwendet für seine Holzschnitte meist keine klassischen Schneideeisen. Er benutzt z.B. die Motor(Flex)scheibe, um Weißlinien in das Holz zu schleifen, er stanzt oder brennt mit Metallhalbzeug serielle Formen in das Material (siehe Flügelstrukturen im rechten Bildteil). Auch dadurch gelingt es ihm, stark deformative Verfremdungseffekte zu erzielen.

Motiv des Holzschnitts
Eine Gorgo ist nach dem griechischen Mythos ein weibliches Ungeheuer. Hesiod nennt drei Gorgonen: Euryale, Stheno und Medusa. Medusa allein war sterblich. Perseus schlägt ihr, ohne sie anzusehen, den Kopf ab, da allein ihr Anblick jeden Sterblichen versteinern würde. In der Archaik der Antike wird die Gorgo als geflügeltes, Grauen erweckendes Ungeheuer dargestellt. In der Renaissance beschäftigt dieses Thema erneut die Künstler. Später gestalten Rubens und Puget die Medusa mit ihrem abgeschlagenen Haupt in pathetischen Versionen.
Deformierte und deplacierte Partien kennzeichnen die Figur der Gorgo ebenso als Ungeheuer wie die riesigen Flügel, die durch ihre fremdartige Binnenstruktur das Gegenteil von sanften Engelsflügeln ausdrücken. Aus dem grauenvollen, unproportionierten und hirnlosen Medusenhaupt blecken große Zähne und starren deformierte Augen.

Struktur des Holzschnitts
Bewusstes Verrücken der Schwarz-Massen aus der Bildmitte stößt den Betrachter, der vom koventionellen Bild her Ausgewogenheit erwartet, an oder ab. Obwohl die Gorgo sitzt, ist weder durch eine Horizontale noch durch eine Vertikalandeutung eine Spur von Statischem zu entdecken. Alle Schwünge, Krümmungen und Ecken vermitteln Unruhe, Erschrecken, Qual.

Aussage des Holzschnitts
Das Gorgo-Thema wird von Grieshaber auf Erscheinungen unserer Zeit übertragen. Es kann auf den entmenschten Zeitgenossen ebenso wie auf einen Racheengel bezogen sein: der Mensch, der in seinem brutalen Verhalten zum Mitmenschen diesen versteinern läßt - oder das von einer Gottheit gesandte Ungeheuer, das den Unmenschen unserer Zeit vernichten will.


Joseph Beuys (1921-1986) - Bein
Holzschnitt 1961, Format 50,5 x 65,8 cm, W-V: Multiples von J. Beuys, München

Aussage des Holzschnitts
Die Loslösung vom Gegenstand führt bei Beuys in seinem Hauptwerk zur Produktion von Objekten und zu Aktionen, welche alle ästhetisch bedingten Vorurteile beim Betrachter zerstören und ihm die Ohnmacht seiner Situation in der Gesellschaft vor Augen führen sollen.
Der Holzschnitt "Bein" bezieht die Brettmaserung als autonomes Medium in die Gestaltung ein und lässt offen, ob der Gegenstand ein deformiertes (oder amputiertes) Menschenbein ist oder ob es sich um für den Betrachter nicht deutbare Spuren vergangener Kulturen handelt.


Bein
Hans Heimrath, OStD
Staatsinstitut für die Ausbildung der Lehrer an Realschulen
1983



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